Berliner Dom: Kaiserlicher Glanz und die Spuren der Geschichte
Zwischen Museumsinsel, Lustgarten und dem wiedererrichteten Berliner Schloss erhebt sich der Berliner Dom. Die mächtige Kuppel prägt das historische Zentrum der Hauptstadt. Was heute als selbstverständlicher Bestandteil des Stadtbildes erscheint, entstand erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Kaiser Wilhelm II. wollte an dieser Stelle nicht einfach eine größere Kirche errichten lassen. Der Neubau sollte die Bedeutung der evangelischen Kirche und die Stellung des preußischen Königshauses sichtbar machen. Doch hinter der prachtvollen Architektur verbirgt sich eine wechselvolle Geschichte. Kriegsschäden, Abrisse und jahrzehntelange Wiederaufbauarbeiten haben das Gebäude verändert. Ein Rundgang macht diese unterschiedlichen Zeitschichten bis heute sichtbar.
Der heutige Berliner Dom entstand zwischen 1893 und 1905 nach Entwürfen des Architekten Julius Carl Raschdorff. Sein Vorgängerbau, im 18. Jahrhundert errichtet und später von Karl Friedrich Schinkel umgestaltet, musste dafür weichen. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 hatte sich auch der Anspruch an die Architektur der Hauptstadt verändert. Die bisherige Kirche erschien dem Kaiserhof nicht mehr repräsentativ genug. Raschdorff entwarf einen monumentalen Bau, der Formen der italienischen Hochrenaissance mit barocken Elementen verband. Die Kuppel, die Türme und die reich gegliederte Fassade sollten den Dom aus seiner Umgebung herausheben. Am 27. Februar 1905 wurde die neue Kirche eingeweiht. Sie war damit nicht nur ein Gotteshaus, sondern zugleich ein sichtbarer Ausdruck der politischen und gesellschaftlichen Ordnung des Kaiserreichs.
Wer den Berliner Dom betritt, erkennt schnell, dass gerade hier mit architektonischer Zurückhaltung nicht gerechnet wurde. Säulen, Figuren, Giebel und Kuppeln bilden ein Ensemble, das Aufmerksamkeit verlangt. Der Bau sollte Größe vermitteln und zugleich die Verbindung zwischen protestantischer Kirche und preußischem Herrscherhaus hervorheben. Dabei orientierte sich Raschdorff nicht an der schlichten Gestaltung vieler evangelischer Kirchen. Seine Formensprache erinnert vielmehr an die großen repräsentativen Sakralbauten Europas. Das war eine bewusste Entscheidung. Der Berliner Dom sollte als bedeutende Kirche des preußischen Protestantismus wahrgenommen werden und neben den großen Bauwerken europäischer Hauptstädte bestehen können. Gerade diese Verbindung von Religion, Architektur und staatlichem Machtanspruch macht das Gebäude heute zu einem aufschlussreichen Zeugnis seiner Entstehungszeit.
Im Inneren setzt sich der monumentale Eindruck fort. Die Predigtkirche ist als großer Zentralraum angelegt. Über ihr erhebt sich die Kuppel, deren Gestaltung den Blick nach oben lenkt. Mosaiken, Skulpturen und zahlreiche architektonische Einzelheiten bestimmen den Raumeindruck. Die Ausstattung folgt einem umfassenden religiösen Bildprogramm. Zugleich zeigt sie den Kunstgeschmack einer Epoche, die historische Formen aufgriff und mit den technischen Möglichkeiten ihrer Gegenwart verband. An der Gestaltung war unter anderem der Maler Anton von Werner beteiligt, der im Kaiserreich hohes Ansehen genoss. Trotz seiner repräsentativen Architektur blieb der Dom ein Ort des Gottesdienstes. Bis heute wird er kirchlich genutzt. Diese fortdauernde Funktion unterscheidet ihn von zahlreichen anderen Monumentalbauten der wilhelminischen Zeit, die inzwischen ausschließlich musealen Zwecken dienen.
Zu den bedeutenden Ausstattungsstücken des Berliner Doms gehört die große Orgel des Orgelbauers Wilhelm Sauer. Sie wurde zur Einweihung des Gebäudes im Jahr 1905 fertiggestellt und zählt zu den herausragenden Instrumenten ihrer Entstehungszeit. Mit 113 Registern und mehr als 7.000 Pfeifen bietet sie eine außergewöhnliche klangliche Vielfalt. Die Orgel ist nicht allein wegen ihrer Größe bemerkenswert. Sie dokumentiert auch die Entwicklung des Orgelbaus an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Die damaligen technischen Möglichkeiten erlaubten eine differenzierte Steuerung und eine große Bandbreite musikalischer Ausdrucksformen. In einem Kirchenraum dieser Dimension ist die Orgel weit mehr als ein Begleitinstrument. Ihre Wirkung entsteht im Zusammenspiel mit der Architektur und der Akustik des Gebäudes. Damit bildet sie einen eigenständigen Bestandteil des kulturellen Erbes, das der Dom bewahrt.
Der Zweite Weltkrieg hinterließ am Berliner Dom schwere Schäden. Bereits 1940 gingen bei einem Luftangriff die Fenster verloren. Am 24. Mai 1944 traf eine Bombe die Kuppellaterne und löste einen Brand aus. Teile der Konstruktion stürzten in den Kirchenraum. Der Dom war danach nur noch eingeschränkt nutzbar. In den ersten Nachkriegsjahren standen Sicherungsmaßnahmen im Vordergrund. Erst 1952 und 1953 konnte die große Öffnung über der Predigtkirche provisorisch geschlossen werden. Der eigentliche Wiederaufbau begann Jahrzehnte später unter den Bedingungen der DDR. Dabei wurde nicht der gesamte ursprüngliche Bau wiederhergestellt. Die beschädigte Denkmalskirche verschwand, und auch die Kuppel erhielt eine veränderte Gestalt. 1993 konnte die Predigtkirche wieder eingeweiht werden. Die Arbeiten an der Innenausstattung dauerten darüber hinaus an.
Der Berliner Dom wirkt heute wie ein geschlossenes historisches Bauwerk. Tatsächlich ist er das Ergebnis mehrerer tiefgreifender Veränderungen. Der wilhelminische Neubau ersetzte eine ältere Kirche. Der Krieg zerstörte wesentliche Teile seiner Ausstattung und Konstruktion. Beim Wiederaufbau gingen weitere Bestandteile verloren, die aus denkmalpflegerischer Sicht durchaus hätten erhalten werden können. Besonders einschneidend war der Abriss der Denkmalskirche. Sie gehörte ursprünglich zum architektonischen Gesamtkonzept und sollte die Erinnerung an die Hohenzollern wachhalten. Ihr Verlust veränderte den Grundriss und die historische Aussage des Gebäudes dauerhaft. Gerade deshalb lohnt es sich, den Berliner Dom nicht nur als prachtvolle Sehenswürdigkeit zu betrachten. Seine Architektur erzählt ebenso von politischen Entscheidungen, wechselnden Vorstellungen des Denkmalschutzes und dem Umgang verschiedener Generationen mit ihrem baulichen Erbe.
Robbin