Ein Maß für alle: Der Johannisfriedhof in Nürnberg
Die Geschichte beginnt vor den Stadtmauern. Im 13. Jahrhundert entstand in St. Johannis ein Siechenhaus für Kranke und Leprakranke, später ein Pestfriedhof. Als Kaiser Maximilian I. 1518 Bestattungen außerhalb der Mauern anordnete, schloss der Nürnberger Rat die innerstädtischen Begräbnisplätze. Der Johannisfriedhof wurde erweitert und nahm zunächst die Toten der Sebalder Stadtseite auf. Für die Lorenzer Stadtseite entstand der Rochusfriedhof. Heute umfasst St. Johannis rund 6.500 Gräber auf etwa 3,8 Hektar. Zwischen den historischen Steinen liegen auch jüngere Grabstätten: Der Friedhof wird weiterhin genutzt. Blumen und frisch gepflegte Gräber zeigen das bei jedem Rundgang.
Drei mal sechs Nürnberger Werkschuh, rund 84 mal 167 Zentimeter: Dieses Maß gab der Rat ab etwa 1520 für die Grabsteine vor. Die Steinschreiber achteten auf seine Einhaltung. Im alten Teil des Friedhofs reiht sich deshalb ein liegender Sandstein an den nächsten. Auch Dürers Grabstein steht innerhalb dieser Ordnung. Wer vor ihm steht und dann den Blick über die Reihen schweifen lässt, versteht die Absicht des Rates: Der gesellschaftliche Rang sollte sich nicht in der Größe eines Grabsteins zeigen. Über die Jahrhunderte veränderten sich die Steinformen; auf später hinzugekommenen Flächen stehen auch aufrechte Grabmale. Das gemeinsame Maß prägt vor allem die historischen Grabfelder. Man erkennt es am besten aus einiger Entfernung, wenn die einzelnen Inschriften zurücktreten und die Reihen als Ganzes sichtbar werden.
Wer sich über die Steine beugt, entdeckt die Unterschiede der Beigesetzten. Nürnberger Rotgießer fertigten Epitaphien aus Bronze und Messing: mit Namen, Lebensdaten, Wappen, Werkzeugen oder Bildern aus der Bibel. Ein Handwerkszeichen kann mehr über einen Menschen erzählen als ein langer Grabtext. Andere Tafeln zeigen, wie wichtig einer Familie ihre Herkunft war. Das vorgeschriebene Steinmaß ließ Raum für solche Zeichen. Selbst auf benachbarten Gräbern findet sich kaum zweimal dieselbe Gestaltung. Manche Tafeln sind schlicht und knapp beschriftet, andere füllen die Fläche mit Figuren und Ornamenten. Die Epitaphien wurden so zu einer eigenen Nürnberger Kunstform, die bis heute gepflegt wird. 2018 kam die Nürnberger Epitaphienkultur in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
Die bekannteste Grabstätte trägt die Nummer 649. Sie gehörte der Familie Frey, aus der Dürers Frau Agnes stammte. Nach dem Tod des Künstlers 1528 verfasste sein Freund Willibald Pirckheimer eine lateinische Inschrift. 1681 stiftete der Maler Joachim von Sandrart eine weitere Bronzetafel. Dürers sterbliche Überreste befinden sich nach der Räumung und Neubelegung des Grabes im Jahr 1651 nicht mehr dort; ihr Verbleib ist unbekannt. Der Stein erinnert also an einen Menschen, den das Grab längst nicht mehr birgt. Seine Größe macht ihn dabei nicht zum Sonderfall: Sie entspricht der Vorgabe für die alten Grabfelder. Andere Namen führen Besucher weiter durch Nürnbergs Geschichte, darunter Veit Stoß, Willibald Pirckheimer und Ludwig Feuerbach. Doch auch die unbekannten Namen verdienen einen Blick.
Zur Anlage gehören die Johanniskirche und die runde Holzschuherkapelle. Die Kirche diente ursprünglich dem benachbarten Siechenhaus; die Kapelle entstand im frühen 16. Jahrhundert anstelle eines älteren Baus. Sie ist nur bei Führungen zugänglich. Später wurde der Friedhof mehrfach erweitert. So erklären sich auch die aufrechten Grabmale und die Arkadenhalle am Rand der älteren, von liegenden Steinen geprägten Felder. Für den Friedhof selbst wird kein Eintritt erhoben. Von April bis September öffnen die Tore von 7 bis 19 Uhr, von Oktober bis März von 8 bis 17 Uhr. Zwischen dem 6. Dezember und dem 6. Januar endet die Besuchszeit bereits um 16 Uhr. Wer die Bronzetafeln liest, entdeckt auf engem Raum immer neue Geschichten.
Robbin