Fotografiska Berlin – Wo das Tacheles weiterlebt
Wer das Fotografiska in der Oranienburger Straße betritt, begegnet zuerst keinem geordneten Museumsraum. Der Weg führt durch ein Treppenhaus, dessen Wände, Türen und Decken von Graffiti überzogen sind. Namen, Figuren, Parolen und Farbschichten liegen übereinander. Manche entstanden während der Zeit des Kunsthauses Tacheles, andere ergänzten erst später die Geschichte. Erst hinter diesem sichtbaren Gedächtnis beginnen die nüchternen Ausstellungssäle. Der Gegensatz ist kein Nebeneffekt. Er prägt das gesamte Haus und unterscheidet den Berliner Standort deutlich von einem klassischen Fotomuseum. Vergangenheit und Gegenwart stehen hier unvermittelt nebeneinander.
Nach dem Fall der Berliner Mauer besetzten Künstler im Februar 1990 das vom Abriss bedrohte Gebäude und gründeten das Kunsthaus Tacheles. Ateliers, Werkstätten, Ausstellungen und Veranstaltungen machten den Ort international bekannt. 2012 endete diese Phase. Seit September 2023 nutzt Fotografiska einen Teil des sanierten Gebäudes. Das erhaltene Treppenhaus erinnert nicht mit Vitrinen oder nachgestellten Kulissen an die frühere Kunstszene. Seine Wände sind selbst das Exponat. Das Block-Bild zeigt den Blick vom Treppenabsatz in diesen vielschichtigen Raum, in dem sich improvisierte Kunst, Verfall und sorgfältige Sicherung nicht sauber voneinander trennen lassen. Neue Wegeführung und moderne Beleuchtung machen den historischen Bestand dauerhaft zugänglich, ohne seine Unebenheiten hinter einer neutralen Museumsarchitektur zu verstecken.
Die neue Nutzung bleibt dennoch ein Bruch. Aus einem selbstorganisierten Kunsthaus wurde ein international geführtes Museum mit Shop, Gastronomie und langen Öffnungszeiten. Wer nur eine romantische Fortsetzung des alten Tacheles erwartet, übersieht diesen Wandel. Fotografiska bewahrt markante Spuren, übernimmt aber nicht die frühere Struktur. Gerade diese Spannung macht den Besuch interessant. Das Haus versucht nicht, die Gegensätze vollständig aufzulösen. Hinter rauen, dicht beschriebenen Wänden öffnen sich technisch präzise eingerichtete Säle, in denen wechselnde Ausstellungen professionell inszeniert werden. Die neue Ordnung verdrängt die Vergangenheit nicht vollständig, verändert aber deren Bedeutung und Wahrnehmung.
Beim Besuch im Januar 2025 zeigte „Hip Hop: Conscious, Unconscious“ die Geschichte einer Kultur, die Musik, Mode, Sprache und gesellschaftlichen Protest miteinander verband. Die Ausstellung war nicht als Sammlung dekorativer Starporträts angelegt. Sie folgte Entwicklungen von den frühen Jahren über regionale Szenen bis zu international erfolgreichen Künstlern. Aufnahmen von Bühne, Straße und privatem Umfeld wechselten mit Bildern, die Selbstinszenierung und politischen Anspruch sichtbar machten. Die Aufnahme hielt einen Moment fest, in dem die Energie eines Auftritts den streng abgedunkelten Museumsraum durchbrach. Bekannte Namen sorgten für unmittelbare Wiedererkennung, während weniger vertraute Aufnahmen den Blick auf Fotografen, lokale Milieus und die Entstehungsbedingungen der Kultur lenkten. Die Ausstellung zeigte Hip-Hop nicht als fertige Marke, sondern als Bewegung mit unterschiedlichen Stimmen.
Ein nachgebautes Jugendzimmer ergänzte die gerahmten Fotografien. Poster, Kleidung, Kassetten, Zeitschriften, ein Rechner und die unvermeidliche Lavalampe verwiesen auf eine Zeit, in der Musik noch über physische Tonträger, Magazine und persönliche Sammlungen weitergegeben wurde. Solche Räume können leicht zur nostalgischen Kulisse geraten. Hier erfüllten sie eine nachvollziehbare Funktion: Hip-Hop wurde nicht allein auf Bühnen und in Studios geprägt. Jugendzimmer, Clubs und Straßen waren Orte, an denen Bilder, Texte und Haltungen übernommen, verändert und neu zusammengesetzt wurden. Die persönliche Umgebung erklärte damit einen Teil jener kulturellen Verbreitung, die reine Konzertfotografie kaum erfassen kann.
Einen vollkommen anderen Zugriff bot Marco Brambillas „Double Feature“. Seine monumentalen Videocollagen füllten die Wand mit unzähligen Szenen, Figuren und Bewegungen. Aus größerer Entfernung erschienen geordnete Bildwelten; beim Näherkommen zerfielen sie in ein dichtes Geflecht aus Zitaten der Film- und Popkultur. Himmel, Konsum, Katastrophe und Unterhaltung gingen ineinander über. Die Aufnahme zeigt einen Ausschnitt aus „Heaven’s Gate“, der den Blick kaum an einem festen Punkt ruhen lässt. Zahllose Figuren steigen auf, stürzen ab oder verschwinden in der jeweils nächsten Szene, während der Gesamtaufbau seine scheinbare Ordnung behält. Die Arbeit nutzte digitale Technik nicht als bloßen Effekt. Sie führte vor, wie stark moderne Wahrnehmung von gleichzeitig auftauchenden, konkurrierenden Bildern fortwährend geprägt ist.
Der Wechsel zwischen klassischer Fotografie und raumfüllender Medienkunst beschreibt das Konzept des Hauses genauer als sein Name. Fotografiska versteht Fotografie nicht nur als gerahmten Abzug. Projektionen, Filme und digitale Installationen gehören ebenso zum Programm. Dadurch entstehen sehr unterschiedliche Besuchserfahrungen. Manche Arbeiten verlangen ruhiges Betrachten, andere überwältigen bewusst durch Größe, Ton und Bewegung. Nicht jede Inszenierung entwickelt dieselbe Tiefe. Doch die wechselnden Formate verhindern, dass das Museum zu einer Abfolge stiller, austauschbarer Bilderwände wird. Zugleich bleibt genügend Raum für dokumentarische Serien, deren Wirkung gerade aus Konzentration, Reihenfolge und zurückhaltender Präsentation entsteht.
Auf dem Weg zwischen den Etagen holt das Gebäude seine Besucher immer wieder aus den Ausstellungen zurück. Das Bild richtet den Blick nach oben in das Graffiti-Treppenhaus. Die neuen Leuchten wirken beinahe wie Einschnitte in die dunklen Farbschichten, während Geländer, Mauerwerk und Beschriftungen ihre Gebrauchsspuren behalten. Dieser Raum ist stärker als jede nachträgliche Erklärungstafel. Er erzählt von Aneignung, Widerstand und dem Wunsch, mitten in Berlin Platz für Kunst zu behaupten. Selbst unscheinbare Türen, Absätze und beschädigte Flächen tragen zu einem Gesamtbild bei, das sich nicht auf ein einzelnes berühmtes Graffito reduzieren lässt. Zugleich bleibt die Frage sichtbar, wem solche Orte nach Sanierung und wirtschaftlicher Neuordnung noch gehören. Fotografiska kann diese Frage nicht beantworten, aber auch nicht umgehen.
Das Fotografiska Berlin lebt deshalb von zwei Ausstellungen zugleich. Die eine wechselt regelmäßig und bringt internationale Fotografie, Dokumentation und Medienkunst in die Stadt. Die andere bleibt im Treppenhaus erhalten und besteht aus den Spuren eines untergegangenen Kunstbetriebs. Das Nebeneinander ist nicht widerspruchsfrei, aber ungewöhnlich kraftvoll. Wer das Haus nur wegen eines bekannten Namens im Programm besucht, entdeckt einen Erinnerungsort. Wer allein das alte Tacheles sucht, findet keine unveränderte Fortsetzung, sondern eine neue Institution in historischen Räumen. Genau darin liegt der besondere Reiz dieses Berliner Museums, das seine stärkste Wirkung zwischen Kunst, Erinnerung und offenem Widerspruch entfaltet.
Robbin