Zehn Leben: Fluchtgeschichten in der Villa Stuck
Der eine verarbeitet seine eigene Fluchtgeschichte, der andere beschäftigt sich mit den Schicksalen fremder Menschen. Delschad Numan Khorschid und Jan-Hendrik Pelz nähern sich in „Zehn Leben“ einem Thema, das weit über politische Diskussionen und statistische Zahlen hinausgeht. Die Ausstellung wurde von Anne Marr kuratiert und am 15. Mai 2026 eröffnet. Khorschid arbeitet mit Gemälden, Fotografien und Texten, Pelz mit großformatigen, häufig fotorealistischen Bildern und Skulpturen. Die unterschiedlichen Ausdrucksformen machen persönliche Erfahrungen sichtbar, ohne sie auf eine gemeinsame Erzählung zu reduzieren. Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Lebenswege durch Flucht und Migration entscheidend verändert wurden.
Delschad Numan Khorschid wurde Anfang der 1980er Jahre im Nordirak geboren. Während der Verfolgung der kurdischen Bevölkerung durch das Regime Saddam Husseins verlor er seinen Vater und zahlreiche Angehörige. Eine reguläre Schulbildung blieb ihm verwehrt. Lesen und Schreiben brachte er sich selbst bei, mit Stiftresten und Papier, das er im Müll fand. Nach einer mehr als zweijährigen Flucht erreichte er 2003 München. Erst als Erwachsener besuchte er eine Schule: die Schauspielschule in Berlin, an der er 2016 seinen Abschluss machte. Im selben Jahr erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft und damit seinen ersten Pass. Seine Lebensgeschichte bildet den Hintergrund für die künstlerischen Arbeiten, die nun in der Villa Stuck gezeigt werden.
Seit 2019 gehört Khorschid zum Ensemble des Münchner Residenztheaters. Neben seiner Arbeit als Schauspieler schreibt und malt er. Seine Fotografien zeigen unter anderem Motive aus dem Irak, darunter die 2023 entstandene Aufnahme „Himmel“. Andere Arbeiten beschäftigen sich unmittelbarer mit persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Verhältnissen. 2025 entstand beispielsweise die Kohlezeichnung „Das Patriarchat“. Im selben Jahr wurde Khorschid für sein Buch „Nirgendwo ist mein Zuhause“ mit dem Bayerischen Kunstförderpreis in der Sparte Literatur ausgezeichnet. Die Ausstellung vereint unterschiedliche Formen seines künstlerischen Ausdrucks. Fotografien halten sichtbare Augenblicke fest, während Zeichnungen und Texte andere Möglichkeiten eröffnen, Erinnerungen zu verarbeiten. Nicht jede Erfahrung lässt sich in einer chronologischen Erzählung festhalten. Manche findet erst durch die künstlerische Gestaltung eine Form.
Jan-Hendrik Pelz wurde 1984 in Filderstadt geboren und studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Seine Arbeiten wurden bereits in mehreren Ländern ausgestellt. In der Villa Stuck richtet er den Blick auf Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrungen. Zu seinen Werken gehört „Here To There“ aus dem Jahr 2022, ein Ölbild, das eine vierzigjährige Frau aus Syrien zeigt. Pelz arbeitet häufig mit fotorealistischen Darstellungen. Seine Porträts lenken die Aufmerksamkeit auf einzelne Menschen, deren Biografien im öffentlichen Gespräch oft hinter allgemeinen Begriffen verschwinden. Ein Gemälde kann eine Lebensgeschichte nicht vollständig erzählen. Es kann jedoch dazu führen, dass Besucher genauer hinschauen und sich mit der Person hinter dem dargestellten Gesicht beschäftigen.
Fluchtgeschichten enden nicht zwangsläufig mit der Ankunft in einem sicheren Land. Erinnerungen an Gewalt, Verlust und die zurückgelassene Heimat können Menschen noch viele Jahre begleiten. „Zehn Leben“ beschäftigt sich mit diesen Nachwirkungen, ohne sämtliche Biografien gleichzusetzen. Khorschid spricht aus eigener Erfahrung. Pelz setzt sich künstlerisch mit den Geschichten anderer auseinander. Beide Perspektiven verlangen einen sorgfältigen Umgang mit dem Erlebten. Die Ausstellung verzichtet darauf, Migration ausschließlich über Zahlen oder politische Maßnahmen zu betrachten. Stattdessen erhalten individuelle Erfahrungen Raum. Dabei wird deutlich, wie unterschiedlich Menschen mit ihrer Vergangenheit umgehen. Manche Erinnerungen lassen sich erzählen, andere finden ihren Ausdruck in Bildern oder plastischen Arbeiten. Die Kunst ersetzt keine persönliche Lebensgeschichte, eröffnet aber einen weiteren Zugang zu ihr.
Die Ausstellung „Zehn Leben“ ist noch bis Sonntag, 8. November 2026, im Museum Villa Stuck zu sehen. Das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Künstlers Franz von Stuck bietet damit neben seinen historischen Räumen eine Begegnung mit persönlichen Lebensgeschichten der Gegenwart. Die von Anne Marr zusammengestellten Arbeiten unterscheiden sich deutlich in ihrer künstlerischen Umsetzung. Gemeinsam ist ihnen die Beschäftigung mit Menschen, deren Lebenswege durch Migration und belastende Erfahrungen geprägt wurden. Für Besucher bietet sich die Gelegenheit, über die dargestellten Biografien hinaus nachzudenken. Die Ausstellung liefert keine einfachen Antworten auf gesellschaftliche Fragen. Sie erinnert daran, dass hinter jeder allgemeinen Bezeichnung ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steht. Das Museum befindet sich an der Prinzregentenstraße 60 in München.
Robbin